Ein guter Morgen unter blauem Himmel

Erstellt am 29.05.2020

Von Frank Albrecht

ARNSBERG. Entspannte Gesichter nachdem sich alle Besucher auch noch den letzten kleinen Berg zur Kreuzkirche hoch bemüht haben: Rund 60 Besucher sind zum Gottesdienst der Evangelischen Gemeinde Arnsberg an Christi Himmelfahrt gekommen, ein gut bekannter Geheimtipp – und das schon seit vielen Jahren.

Dem Corona-Virus, das natürlich auch an diesem Feiertag mitbestimmt, geschuldet ist, dass sich vor dem Zutritt eine Schlange gebildet hat: Adressmanagement zur möglichen Kontaktverfolgung, falls es eine bestätigte Infektion bei einem der Besucher gibt. Nur etwas Warten, dann ist der Weg schon frei zu den Stühlen, die Bänke der Bierzeltgarnitur sind heute den Mitgliedern einer Familie vorbehalten. Der zweite ihrer Söhne soll im Rahmen des außergewöhnlichen Gottesdienstes getauft werden.

„Es gibt diese besonderen Gottesdienste wie in der Osternacht oder zu Pfingsten“, begrüßt Pfarrer Wolfram Sievert gelassen die Besucher. Der am Feiertag Christi Himmelfahrt sei auch so einer, sagt der Geistliche, der zusammen mit Johannes Böhnke hier oben feiern will. Was das Ganze außer dem extrem schönen Wetter so besonders macht? „Es ist der erste gemeinsame Gottesdienst nach vielen Wochen des Verbotes“, so Sievert. Während die Sonne schon sticht werden die Hygienebestimmungen noch kurz in Erinnerung gerufen, Abstand und Desinfektion – einen Mundschutz müsse man unter freiem Himmel aber nicht tragen.

Seit gut 15 Jahren feiert die Evangelische Kirchengemeinde Arnsberg ihren besonderen Feiertagsgottesdienst mit Blick über die Alt-Stadt und unter freiem Himmel. Und auch in diesem Jahr steht eine Taufe auf dem Programm. „Es hat sich anscheinend herum gesprochen, wie außergewöhnlich es ist, sein Kinder hier oben Taufen zu lassen“, mutmaßt Pfarrer Johannes Böhnke, der für die Predigt unter blauem Himmel zuständig ist.

Die Eltern von Lasse wollen die Chance nutzen, der Täufling weiß noch nichts von seinem Glück. Die ganzen ersten Eindrücke werden schnell in einem Lied zusammengefasst: „Danke für diesen guten Morgen“, spricht allen Besuchern aus der Seele und denkt mit der umgewandelten fünften Strophe auch schon an die Taufe des kleinen Lasse.

Die Natur macht das Erleben von Kirche oben auf dem Berg zu etwas ganz Besonderem, zum Psalm des Pfarrers sind die Rufe von Raubvögeln zu hören. „Leben ist mehr wert als Geld, und das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Einsichten aus der Bibel, die in der freien Natur noch wirklicher wirken. Die Freude darüber, wieder gemeinsam Gottesdienst feiern zu können, ist allgegenwärtig. Und so, als ob es auch die Natur verstanden hat, wird jedes Lied vom Zwitschern der Vögel begleitet. Dann kommt für die Eltern, Großeltern und Verwandten endlich die versprochene Tauf-Pause im Gottesdienst, Lasse hat sie nicht verschlafen.

Alles in freier Natur, und das Wasser für die Taufe kommt aus der Metall-Kaffeekanne. Pfarrerin Claudia Schäfer, die den Gottesdienst unter freiem Himmel vorbereitet hat, selber aber nicht dabei sein kann, hat an alles gedacht.

Die Paten lesen ihren selbst gewählten Text, der von Glaube, Hoffnung und Liebe erzählt. Und für das folgende zum Nachsingen leicht zu merkende Lied mit der Nummer 123 auf dem Liedzettel – Gottesbücher sind ja nicht erlaubt – bittet der Pfarrer mit seiner Gitarre um kräftige Unterstützung. Die Gemeinde erfüllt den Wunsch, wissend, um das Privileg unter freiem Himmel auch gemeinsam singen zu dürfen. Der Wind auf dem Kreuzberg weht stärker und, eine Freiwillige hält die Notenzettel fest.

Trinkpause vor der Predigt von Pfarrer Johannes Böhnke, der in Knickerbockern zur Gemeinde spricht. So etwas habe er noch nie erlebt, die Zeit sei zwar ruhig, aber alles andere als witzig. Über die Gemeinde hinweg frage er in den Himmel gerichtet wie Gott so etwas zulassen könne. Aber Böhnke macht auch deutlich, dass er Gott in Schutz nehmen wolle. Aus dem apostolischen Glaubensbekenntnis komme der Spruch, dass Christus wie ein König herrsche und Gott allmächtig sei. Und was von Gott komme, wolle er auch annehmen. Er, so sagt Böhnke durch das Mikrofon, glaube, dass das Erlebte auch einen Sinn habe: Krisen seien eine Aufgabe, die ihm der allmächtige Gott stelle.

Der Gottesdienst mit Taufe geht langsam zu Ende, und Pfarrer Sievert lädt zum Singen ein, um dabei Natur und Sonne zu genießen. Von den 18 Strophen werden aber längst nicht alle gesungen. „Ich bin ein Zweifler am Sinn, der hinter Gottes Taten steht“, bekennt Wolfram Sievert zum Schluss. Aber durch die Corona-Krise habe die Gesellschaft an Solidarität gewonnen. Er hoffe, dass das auch später im wieder normalen Lebern nicht vergessen werde. Die Taufgesellschaft freut sich, die Besucher auch – viele fleißige Helfer lassen den Kreuzberg wieder so zurück, wie sie ihn vorgefunden haben. Bis zum nächsten Jahr, wenn wieder auf den Berg an die Kirche gerufen wird.