Mein Einsatz an der Ahr

Erstellt am 27.08.2021

Psalm 137,1 An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.

Als ich die ersten Bilder von den Flutkatastrophen in den unterschiedlichsten Landesteilen sah, dachte ich noch bei mir, ich sitze in einem falschen Film oder ich träume. Bilder aus Sundern, Hagen, dem Erftkreis und dem Ahrtal wirkten auf mich wie die actiongeladenen Szenen eines viel zu realistischen Endzeitkatastrophenfilms aus Hollywood. Aber wie wir alle wissen, war es das leider nicht. Die Realität und die Macht der Natur hat uns Menschen wieder einmal gezeigt, dass sie stärker, unberechenbarer und grausamer ist als meine Vorstellungskraft.

Kaum waren die ersten Eindrücke in meinen Verstand gesickert, kam auch schon die Anfrage unseres DRK-Landesverbandes (DRK = Deutsches - Rotes - Kreuz), wer ab wann in den Einsatz gehen könnte. Ich selbst gehöre dem PSNV-Zug (PSNV = Psycho-Soziale-Notfall-Versorgung) an und meldete zurück, dass ich ab Mittwoch einsatzbereit sei. Letztlich bekam ich den Auftrag, mich am Donnerstag mit 3 weiteren Helfern unseres Zuges in den Bereitstellungsraum Nürburgring zu begeben. Gesagt getan, fuhren wir dann gemeinsam los. Während der Anfahrt war eigentlich noch alles „normal“, außer die stetige Zunahme von Einsatzfahrzeugen unterschiedlichster Organisationen und Richtungen.

Vor Ort angekommen begaben wir uns dann in den der PSNV zugewiesenen Bereitstellungsbereich. Nach erfolgreicher Registrierung trafen wir nun auf das Team des Landesverbands Westfalen-Lippe, welches wir ablösen sollten. Dort erfuhren wir dann erstmals von den wahren Ausmaßen der Katastrophe. Die Berichte unserer Kollegen ließen nichts Gutes erahnen.

Am nächsten Morgen ging es für uns dann erstmalig ins Einsatzgebiet nach Altenburg. Was wir bereits auf der Anfahrt dorthin sahen, ließ uns den Atem stocken. Wir fühlten uns, als wären wir in einem Kriegsgebiet gelandet. Die dortige Zerstörung von Gebäuden, Brücken, Straßen ging noch weit über das hinaus, was uns die Berichte oder TV-Bilder erahnen ließen. In Altenburg selbst lag buchstäblich der Geruch des Todes in der Luft. Die ersten Gespräche mit Betroffenen und Helfern, die wir dort führen konnten, zeigte uns erneut, dass eben nicht „nur“ materielle Dinge vernichtet wurden, sondern vielmehr auch Träume, Hoffnungen und Leben. Es fiel mir schwer, dort nicht einfach mitzuweinen und selbst die Fassung zu verlieren, aber Dank der Teamkollegen konnten wir uns gut gegenseitig stützen.

Besonders erschreckend für mich war, dass es Menschen gab, die tagsüber mit Schaufeln „bewaffnet“ durch die Dörfer gingen, augenscheinlich wie Helfer wirkten, aber lediglich die Zeit nutzten, um auszuspionieren, wo sie denn nachts einsteigen könnten, um zu plündern. Dadurch, dass es weder Strom noch Wasser gab, konnten diese dann die Dunkelheit für ihre Machenschaften nutzen, um denen, die quasi alles verloren haben, auch noch den letzten Rest an Hab zu nehmen. Die Polizei warnte uns und auch die Helfer davor, nachts allein durch die Straßen zu gehen, da das Risiko für uns aufgrund der Plünderer zu hoch sei, heile wieder zurückzukommen.

Die nächsten Tage bis zu unserer Abfahrt verliefen ähnlich wie der erste Tag. Wir führten unzählige Gespräche und versuchten den Betroffenen und Helfern zumindest etwas psychologische Entlastung zu bieten. Was bleibt, mögt ihr euch vielleicht nun Fragen. Bei mir bleibt vor allem der Eindruck der Menschen und ihrer Dankbarkeit. Bei mir bleibt das Lächeln der Kinder und das Glänzen in den Augen, wenn wir gemeinsam etwas gespielt oder gebastelt haben. Bei mir bleibt die Erleichterung in den Augen der Eltern, wenn sie ihre Kinder endlich mal wieder lachen sahen. Bei mir bleibt meine persönliche Dankbarkeit gegenüber meinen Kollegen und unserem Führungsteam, die jederzeit ansprechbar waren und halfen, dass wir selbst nahezu unbeschadet wieder zu Hause angekommen sind. Mir bleibt mein persönlicher Glaube, der mich hoffen lässt, dass alles seinen Weg geht.

Ich bin gereift in den paar Tagen, ich bin demütiger geworden in den paar Tagen, aber ich bin auch stärker geworden Dank meiner Kameraden und Dank der Menschen an der Ahr, die mir gezeigt haben, dass es immer irgendwie weiter geht, egal was auch passiert.