Hörst du nicht die Glocken?

Erstellt am 11.01.2018

Text Pfarrerin Claudia Schäfer

Am 13.11.2017 hatten unser Baukirchmeister, Rainer Wolf, und ich die Aufgabe, dem Glockensachverständigen der Evangelischen Kirche in Westfalen, Dr. Claus Peter die Glocken unserer Kirchen zu zeigen und in teilweise abenteuerliche Höhen mit ihm aufzusteigen.  Schnell wurde uns klar, wie wenig wir eigentlich über unsere Glocken wissen: Wie groß sind sie? Wann wurden sie eingebaut? Welchen Ton haben sie? Welche Zeichen und Worte sind eingraviert?  Auf unserer Entdeckungstour in den Türmen der Kirchen lernten wir: Jede Glocke hat ihre eigene Botschaft! jede Glocke soll zu einem zu ihr passenden Anlass auch mal alleine zu hören sein!  Wir fragten uns: Haben wir das in unserer Gemeinde überhaupt noch im Blick? Hören wir noch aufmerksam auf die Glocken? Ist uns noch bewusst, dass Glocken uns nicht nur zum Gottesdienst rufen wollen, sondern uns eigentlich auf viel mehr Ereignisse in unserem Leben hinweisen wollen.

Dr. Claus Peter hält in seiner Handreichung zur Aufgabe und Funktion der Glocken fest: „Glockenläuten ist ein wichtiger Teilbereich der Kirchenmusik mit langer Tradition: nach der menschlichen Stimme ist die Glocke das älteste Musikinstrument der christlichen Kirche und ihr Geläute seit über 1500 Jahren ein integraler Bestandteil der Liturgie… Glocken gestalten den Gottesdienst mit und können, richtig eingesetzt, wie alle Musik, Dimensionen erschließen, die dem gesprochenen Wort allein nicht zugänglich sind. Glocken können den Gottesdienst ankündigen; sie können aber auch die Aussage von Worten unterstreichen, wie beim Vater Unser, bei der Einsetzung der Sakramente (Taufe und Abendmahl) oder auch beim Osterevangelium in der Osternacht; sie können ein Gemeindelied hervorheben oder auf bestimmte Feste im Kirchenjahr hinweisen, wie das festliche Geläut zu den großen kirchlichen Festen oder das zurücknehmen des Läutens zu den Bußzeiten (Passions- und Adventszeit). Glocken können zu den täglichen Gebetszeiten zum Innehalten einladen. Der Gebrauch des vollen Geläuts zu allen Anlässen  wird weder dem Geläute als Musikinstrument noch der gottesdienstlichen Funktion der Glocken gerecht und scheidet daher als einfachste Form einer „Läuteordnung“ grundsätzlich aus.“ [1]

Mit einem Leitfaden versucht die Landeskirche zum Jahreswechsel neu auf die Funktion der Glocken aufmerksam zu machen. Präses Annette Kurschus erinnert in ihrem Vorwort daran, dass Kirchenglocken unsere Lebensreise begleiten von der Wiege bis zur Bahre. „ Die Glocken läuten und sagen uns etwas. Sie helfen uns zu unterscheiden zwischen Werktag und Sonntag, zwischen Alltag und Feiertag….Ihr Verkünden von Zeit und Stunde erinnert uns an die Ewigkeit und an die Zuwendung Gottes zur ganzen Welt.“[2]

Das Presbyterium unserer Gemeinde hat am 21. November 2017 eine neue Läutordnung beschlossen, die am 1. Advent 2017 in Kraft getreten ist. Hören Sie also nochmal genauer hin! Welche Unterschiede im Geläut nehmen Sie wahr? Können Sie heraushören, was die Glocke Ihnen sagen will? Klingt sie fröhlich, beschwingt oder traurig, monoton? Will Sie erinnern, betonen, wach  rütteln  oder einen Akzent setzen?

Erich Kästner hat die Funktion der Glocken kurz und knapp auf den Punkt gebracht:

„Wenn im Turm die Glocken läuten,

kann das vielerlei bedeuten.

Erstens: Dass ein Festtag ist.

Dann: Dass du geboren bist.

Drittens: Dass dich jemand liebt.

Viertens: Dass es dich nicht mehr gibt.“[3]

 


[1] Dr. Claus Peter, Aufgabe und Funktion der Glocken; Handreichung zur Gestaltung einer Läuteordnung und zur Anschaffung neuer Glocken

[2] Hörst du nicht die Glocken?, Gebetsläuten im Tageslauf, Ein Leidfaden für Gemeinden, ihre Verantwortlichen und Mitglieder, hrg. AG der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland, Karlsruhe 2016/17

[3] Erich Kästner, Es läuten die Glocken bzw. Glockenklänge des Lebens